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Beschleunigung – Erschöpfung – Burnout – Depression…

Diese Themen wurden in der diesjährigen Jahrestagung der Milton-Erikson-Gesellschaft für klinische Hypnose vier Tage lang aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Bereits am Eröffnungstag wurde es sehr spannend, als der Soziologe IMG_6101Professor Hartmut Rosa über unsere Zeitsouveränität in Zeiten von Multitasking und permanenter Erreichbarkeit sprach. Die Gedanken des Vortrags greife ich hierauf, denn sie treffen aus meiner Sicht genau das Problem:

Wer kennt das nicht: Die Erwartungen an den Einzelnen steigen, denn technisch vollzieht sich alles immer schneller. Also müsste es doch – rein theoretisch – möglich sein, dass der Mensch immer mehr und mehr erreicht! Oder etwa nicht?! Fakt ist momentan, dass eine moderne Gesellschaft in der heutigen Zeit auf Wachstum und Beschleunigung angewiesen ist, um sich zu erhalten. In der Wirtschaft erkennt man dieses Phänomen am deutlichsten: Die Erhaltung des Status quo beruht auf Steigerung. Wachstum geschieht durch Beschleunigung und Verdichtung. Das bekommt jeder, der am Markt tätig ist – egal, ob als Angestellter oder Unternehmer -, zu spüren. Es ist vollkommen irrelevant, wie viel Sie dieses Jahr leisten – nächstes Jahr muss es ein bisschen mehr sein. Und dies von Jahr, zu Jahr, zu Jahr…

Man bedenke: Auch wenn jedes Jahr die Steigerung „nur“ ein Prozent beträgt, so ist dies mengenmäßig jedes Jahr immer mehr. Das Wachstum ist exponentiell. Und der Einzelne hat nur wenig Chance sich dem Zyklus des „Mehrwert“ zu entziehen. Um neunzehnhundert besaß der durchschnittliche Haushalt 400 Objekte, heute sind es ca. 10.000. Der Steigerungszwang ist auf allen Ebenen des Systems unumgänglich, damit das System als solches sich erhalten kann: Mehrwert produzieren – distribuieren – konsumieren. Das Problem wird offensichtlich: Während alles auf Steigerung ausgerichtet ist, ist eine entscheidende Komponente nicht steigerungsfähig – die Zeit. Zeit ist nicht vermehrbar.

Wir haben für alles nur 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Wachstum muss damit unweigerlich Verdichtung und Beschleunigung bedeuten. Alles verdichtet sich und wird mehr. Die Zahl der Optionen für den Einzelnen wächst und wächst. Die ach so wunderbare Freiheit aller Möglichkeiten führt den Einzelnen zu einem „Wer die Wahl hat, hat die Qual“. Das ändert die Art des „in der Welt seins“ dramatisch: Zu jedem Zeitpunkt gibt es ganz viele Dinge, die der Einzelne tun könnte. Dies ist insbesondere so, weil die Technik diese Beschleunigung möglich macht. Damit steigen die legitimen Erwartungen an jeden dramatisch: Man sollte eigentlich! Man müsste eigentlich! Wer kennt dies nicht: Da bekommt man eine Email und prompt folgt eine Stunde später der beinahe vorwurfsvoll klingende Anruf: „Warum haben Sie noch nicht auf meine Email geantwortet?“ Vor 20 Jahren war es nicht ungewöhnlich, wenn erst nach einer Woche eine Antwort per Brief gekommen ist. Permanent ist alles möglich. Sie sitzen im Vortrag? Dann können Sie ja nebenbei über das Smartphone sofort Recherchen zum Vortrag durchführen. Sie sitzen in der S-Bahn oder stehen mit dem Auto im Stau? Dann mal fix Termine koordinieren!

IMG_6104 Der Mensch leidet trotz all der technischen Neuerungen immer wieder unter Zeitnot. Dies ist nicht in der Technik als solcher begründet. Ausschließlich technisch betrachtet, erlebt der Mensch ja sogar einen Zeitgewinn. Das Problem ist an anderer Stelle zu finden: Das Missverhältnis zwischen der persönlichen To-Do-Liste und dem Zeitbudget wächst immer stärker, die Zugänge auf dieser Liste nehmen zu, die Zahl der legitimen Erwartungen steigt. Hinzu kommt, dass durch die Geschwindigkeit in der Gesellschaft und durch die technischen Veränderungen permanent alles einem rasanten „Veralterungsprozess“ unterworfen ist und dadurch die wiederum legitime Erwartung nach einem stetigen Update des Daseins logische Konsequenz ist, was schließlich zu einem Mehr auf der To-Do-Liste führt. Der Teufelskreis schließt sich.

Die Entfremdung ist das gnadenlose Ergebnis all dessen: Wer ist noch in der Lage, sich umfassend und in aller Tiefe mit einem Sachverhalt auseinander zu setzen? Die Beschleunigung fordert ein „rasch zum nächsten“. Heute ist, wie wir schon gesehen haben, nahezu alles möglich, sodass logischerweise permanent etwas legitim erwartet werden kann. Emails beantworten um 23 Uhr? Technisch kein Problem! Montag an einem Meeting in Shanghai teilnehmen und Donnerstags in JIMG_6106ohannesburg? Technisch kein Problem!

Doch unser Körper benötigt auch in der modernen Welt noch so etwas Altmodisches wie „Feierabend“ – den Moment, an dem das Tagwerk real und gefühlt vollbracht ist. Erschöpfung des Einzelnen und auch von Systemen (Organisationen, Unternehmen) und damit Burnout lässt sich als eine Diskrepanz zwischen den legitimen Erwartungen – denen der Gesellschaft und (!) der eigenen – einerseits und der persönlichen Leistungsfähigkeit des Organismus beschreiben.

Luxus in der heutigen Zeit ist das Abtauchen in die Stille und Muße: Rückzug in ein Retreat, ins Kloster o.ä., den Sonntag als Tag der Ruhe bewusst nutzen. Doch sollte allen klar sein, dass dieser Luxus ein lebensnotwendiger Luxus ist. Permanente Beschleunigung und Verdichtung ist für das menschliche System auf Dauer nicht erträglich. Missachten wir dies, ist ein Zusammenbruch und/oder ein Abgleiten in eine depressiven Störung höchstwahrscheinlich. Hartmut Rosa wirft zu Recht die ketzerische Frage auf, wer eigentlich Therapiebedarf hat. Manchmal können schon kleine Maßnahmen helfen, sich zumindest für einen Moment aus dem System der permanenten Erwartungen raus zu nehmen – vorausgesetzt, ich selbst bin bereit dazu. Wie so etwas funktionieren kann, beschreibe ich in diesem Artikel: 2 Minuten Stille

Mehr von Professor Hartmut Rosa:

Sich genügend Zeit lassen – Interview (Deutschlandradio Kultur)

Rasender Stillstand – Beschleunigen wir uns zu Tode (Richard David Recht im Gespräch mit Professor Hartmut Rosa)