Anfang Juni 2016 durfte ich im Rahmen des Jahreskongresses der Heiligenfeld-Akademie erleben, was es bedeutet, wenn unterschiedlichste Referenten den Kongresstitel „Spiritualität im Leben“ mit ihren Vorstellungen dazu ausfüllen. Heraus kam ein bunter Blumenstrauß an Impulsen, die alles andere als esoterisch waren. Ich betone dies, denn manch einer bringt Spiritualität viel zu schnell mit Esoterik in Verbindung oder sieht diesen Begriff als 100%iges Synonym für Religion. Doch was ist Spiritualität überhaupt? Spiritualität darf man verstehen als tiefgreifende Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Leben. Hierbei kann Religion eine Rolle spielen – muss es aber nicht. Es geht um Erkenntnis, Einsicht, Weisheit, Bewusstsein und Bewusstheit. Dies sind die Pfeiler, die Spiritualität ausmachen. Insbesondere ist der bewusste Umgang mit mir selbst und mit anderen bedeutsam. Es gilt, dies zu erleben und nicht zu theoretisieren: Kognitive Einsichten sind nicht Ziel der Spiritualität – zumal die Erkenntnisse oftmals sogar jenseits der sprachlichen Möglichkeiten liegen. Denn nie sollten wir vergessen: Unsere Sprache ist und bleibt beschränkt. Wir sind in der Lage etwas zu erleben, was wir nicht mit Worten vollkommen erfassen und beschreiben können.
Spiritualität im Leben - Heligenfeld-Kongress 2016
Spiritualität im Leben - Heligenfeld-Kongress 2016

Spiritualität im Leben – kann sie gelingen?

Und so war der Kongress der Versuch einer Annäherung an das weite Themenfeld. Ein gelungener Versuch, wie ich meine! Und es war hochgradig spannend zu sehen, wie unterschiedlichste Felder verknüpft wurden – sehr konkret und handfest. Professor Dr. Claus Eurich hat in seinem Vortrag am Eröffnungsabend die Sehnsucht des Menschen nach Heimat und ankommen beschrieben und zugleich an die Bedeutung von „Kairos“ erinnert – diesem Phänomen des Augenblicks, der vergleichbar ist mit einem Zug, der an uns vorbei fährt. Hält er an, habe ich die Chance aufzuspringen oder nicht. Dieser Moment der Entscheidung wird aus diese Weise nie wieder kommen. Es kommen andere Momente, andere Züge, aber dieser eine wird nicht wiederkommen. Und es ist an uns, immer wieder diesen Moment zu erkennen und bewusst zu handeln.
Spiritualität im Leben - Heligenfeld-Kongress 2016
Spiritualität im Leben - Heligenfeld-Kongress 2016

Spiritualität im Leben – Ja, sie kann gelingen!

Weitere Referenten – Albert Pietzko, Sylvia Kéré Wellensiek, Dr. Friedrich Assländer – gingen in Vorträgen und Workshops auf praktische und konkrete Umsetzungsthemen ein, u.a. im beruflichen Alltag und in der Funktion als Führungskraft. Muss Innehalten wirklich als verdächtig angesehen werden, so wie es die Gesellschaft doch immer wieder tut? Der Grundgedanke des Arbeitens, „ich tu für dich, du tust für mich“, gilt auch in der heutigen, globalen Wirtschaftswelt. Doch geht in der Industrie 4.0 immer mehr das Bewusstsein genau dafür verloren – durch Massenproduktion, Roboterisierung, insgesamt durch die Entfremdung von der Arbeit an sich. Die Würde in der Arbeitswelt schrumpft oder ist gar in weiten Teilen bereits verloren gegangen. Es gilt, diese wiederzuentdecken, und zwar durch jeden. Die Führungskräfte haben zwar Vorbildfunktion, doch darf sich heute keiner mehr passiv zurücklehnen und auf Vorgesetzte und Chefs zeigen. Die Aktivität eines jeden ist gefragt. 08/15-Schemata abzurufen und/oder einzusetzen, ist weder kurz- noch langfristig sinnvoll. Konzepte überzustülpen kommt den leeren Worthülsen und verbreiteten Denglizismen gleich. Ziel muss auch im Hinblick auf gelebte Spiritualität im Beruf immer ein kontextbezogenes Handeln sein. So (und nur so!) können äußert alltagstaugliche Schritte entstehen. Dass genau dies funktioniert, kann man sehr schön z.B. an der Hotelkette Upstalsboom sehen, dessen Geschäftsführer und Eigentümer Bodo Janssen ein Buch über die nachhaltigen Veränderungen durch gelebte Spiritualität im Unternehmen geschrieben hat („Die stille Revolution“, Bodo Janssen).

Enden möchte ich mit einigen Zitaten, die gern zum Nachdenken anregen dürfen:

Nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen. Wer sich selbst führen will, muss sich selbst kennen. Pater Anselm Grün Die einzige Arbeit, die sich wirklich lohnt, ist die Arbeit an sich selbst. Nietzsche Führen heißt dienen. Dr. Friedrich Assländer
Hier die Webseiten einige Referenten für das eigenständige Recherchieren:
  • Dr. Friedrick Assländer: „Die Arbeitswelt erfordert immer mehr eine Verbindung von Professionalität und Spiritualität. Gute Arbeit gelingt, wenn wir unsere fachliche, methodische und soziale Kompetenz ständig weiter entwickeln. Sie wird aber erst dann nachhaltige, gesunde Früchte bringen, wenn unser Tun von einer liebevollen Geisteshaltung und einer tiefen BeGEISTerung beseelt wird.”
  • Dr. Anna Gamma: „Ich bin mit Menschen unterwegs, die aus der inneren Mitte Leben und Welt mitgestalten.“
  • Prof. Dr. Barbara von Meibom: „Führungskunst – Dem Leben dienen.“
  • Prof. Dr. Claus Erich „Die Trennungen und Abspaltungen, die wir immer wieder vornehmen, sind vom Menschen gemacht, konstruiert, Kopfgeburten. Sie wollen die Orientierung – auch für unser Gehirn selbst – erleichtern und verdunkeln daneben doch die Wahrheiten, die über den anthropozentrischen und egozentrischen Blick hinausweisen. Sie verhindern so die Entwicklung des Menschen zu einem integralen und dynamischen Selbst.“