In diesem Beitrag will ich dir erklären, was es bedeutet, wirklich achtsam zu sein.

Achtsam sein… Manch einer zuckt ehrfürchtig zusammen – und andere fangen an mit den Augen zu rollen. Nicht schon wieder dieses Thema.

Es gibt Menschen, die versuchen sich mit der Tatsache, dass sie Achtsamkeit üben, abzugrenzen oder sogar herauszuheben. Das ist dann so eine Art elitärer Kreis mit Zugangskontrolle im Sinne eines „Hast du heute schon meditiert?“

Und andere sind genervt, denn Achtsamkeit ist „in“ und kaum ein Mensch kann dem Thema medial noch entkommen. In nahezu jeder Zeitung, in jedem Magazin wird das Thema erläutert, analysiert  und als Wunderwaffe gegen den Beschleunigungswahn gepriesen.

Die Zahl der Podcasts, Apps und Bücher zum Thema ist riesengroß. Darüber hinaus findest du unfassbar viele Instagram-Accounts, die sich Achtsamkeit auf die Fahnen geschrieben haben. Und drum herum hat sich eine Industrie aufgebaut, die dir die passende Musik, Kleidung, Gebrauchsgegenstände etc. liefert. 

Bringt es dich ans Ziel, wenn du all das konsumierst? Wirst du dann achtsam sein?

Was bedeutet es, achtsam zu sein?

Achtsam sein ist ein Trend.

Jeder will irgendwie dazu gehören. „Achtsam – das muss man halt jetzt sein.“

Und so kommen viele Menschen in die Vorträge und Schnupperseminare. Das ist grundsätzlich auch vollkommen in Ordnung und richtig so! Denn nur wenn du etwas ausprobierst, hast du die Chance zu erfahren, ob es dir etwas bringt (oder auch nicht).

Über den Verstand achtsam sein?

Jedoch habe ich den Eindruck, dass nicht wenige denken, man könne Achtsamkeit lernen wie eine Sprache. Ja, Wiederholung und regelmäßiges Üben gehören dazu. Doch kognitiv erfassen kann man Achtsamkeit nur in begrenztem Umfang. Vor dem Beginn einer meiner interaktiven Vorträge oder Workshops beobachte ich immer wieder, dass hektisch Papier und Stift zurecht gelegt werden. Bloß nichts vergessen! Alles für den Verstand festhalten.

So sind wir in der Schule konditioniert worden. Das kennst du wahrscheinlich ganz ähnlich. Bei Achtsamkeit sollte es jedoch um etwas ganz anderes gehen – nämlich das Spüren:

  • Was macht Achtsamkeit mit mir?
  • Wie wirken die Übungen auf mich?
  • Was nehme ich an mir wahr?

Und nicht alle mögen auf meinen Hinweis „Es gibt ein Handout im Nachgang.“ die Schreibutensilien weit weg legen. Sicher ist sicher…

Oberflächliche Achtsamkeit

Auch wenn man

  • alles fein mitschreibt im Vortrag
  • sich alles immer wieder durchliest, ja auswendig lernt
  • die Übungen in die To Do Liste aufnimmt und abarbeitet

…fehlt das Entscheidende. Denn:

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Auf die innere Haltung kommt es an!

Du kannst Achtsamkeit nicht vom Kopf her vollumfänglich erfassen. Ja, du kannst rein kognitiv das Thema erarbeiten. Das macht bis zu einem gewissen Grad ja auch Sinn. So verstehst du, was du brauchst, um achtsam(er) zu werden.

Doch dringt es dann nicht in die alles entscheidende Tiefe in dir. Es bleibt an der Oberfläche. Was du mindestens brauchst, ist Übung und Wiederholung. Ich betone gerne, dass man auch eine Sprache nicht erlernt, wenn man nur einmal in der Woche Vokabeln paukt – und deshalb ist ebenso in Sachen Achtsamkeit Regelmäßigkeit in der Wiederholung gefragt, wenn möglich täglich.

 

Achtsamkeit mit Tiefgang geht so.

Doch dieses Üben findet idealerweise aus einer bestimmten, veränderten Grundhaltung heraus statt:

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Sanft und wohlwollend mir selbst  gegenüber.

Das ist ein erstklassiges Fundament! Die Frage ist nur: Wie baust du es auf?

Diese Haltung braucht Zeit sich zu entwickeln und das klappt nicht, indem du nur darüber nachdenkst oder ein Buch nach dem nächsten liest. Deine Grundhaltung zeigt, wie du mit dir und deiner Welt umgehst, welche Überzeugungen, Glaubenssätze etc. du entwickelt hast. Ich mag in diesem Zusammenhang den Begriff „unvoreingenommen“ sehr. Mein Tipp:

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Übe unvoreingenommen zu sein – dir selbst und der Umwelt gegenüber.

Achtsam sein bedeutet „Prozessorientierung“

Und apropos „Grundhaltung“: Ich kann es gar nicht genug betonen, dass wir die Zielorientierung in Bezug auf Achtsamkeit gepflegt über Bord werfen sollten. Achtsamkeit hat nichts damit zu tun, irgendetwas zu erreichen. Ich vergleiche die Übungen gern mit dem Tanzen, dem Singen, dem Spielen etc. Wer tanzt, singt, spielt, der will auch nicht irgendein Ziel erreichen im Sinne von „fertig werden“, sondern der Prozess dessen, was da gerade geschieht, ist quasi das Ziel.

Ein Beispiel aus meiner Praxis dazu. (Klicke auf das +, wenn du dies lesen willst.)

Ich habe vor Jahren einmal eine Weile mit einer Führungskraft aus einem großen, international tätigen Unternehmen in Hamburg gearbeitet. Die Personalabteilung machte sich große Sorgen um diesen Mann, der vorsorglich beurlaubt worden war, weil er so erschöpft war. Man legte ihm nahe, in der Zeit dieses Sonderurlaubs keine dienstlichen Mails abzurufen. Tatsächlich ist es dort durchaus Usus, Dienstmails nach Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub abzurufen. Er hielt sich aber nicht an den Vorschlag, leistungsorientiert wie er war. Selbstwahrnehmung? Fehlanzeige.

Also fingen wir mit leichten Achtsamkeitsthemen an und es gab eine Hausaufgabe für ihn: eine sanfte, achtsame Bewegungsübung aus der progressiven Muskelentspannung entlehnt. Als er nach 14 Tagen zum nächsten Termin kam, führte er mir stolz vor, wie effizient er geübt hatte. Täglich sogar!

Das sah dann folgendermaßen aus: Mit dem einen Arm/ der einen Hand machte er die besprochene Übung und mit der jeweils freien Hand rief er zeitgleich Mails ab über sein Smartphone. Vom Effizienzgedanken her – top! Allerdings ist dieser Mensch sehr unachtsam mit sich und seinem Zustand umgegangen. Sich selbst hat er dabei nämlich gar nicht wahrgenommen. Er hat lediglich Jobs abgearbeitet.

Selbstwahrnehmung & achtsam sein: Wie die Gesellschaft uns ein Bein stellt

Achtsamer mit sich selbst zu sein und sich und seine jeweilige Befindlichkeit gut wahrzunehmen, ist gar nicht leicht. Denn: Während einige Gefühlslagen gesellschaftlich romantisiert werden, sollen andere, so schnell es geht, abgeschaltet werden.

Ich beobachte, dass persönlicher Kontrollverlust „in“ ist. Es ist in, sich über die Maße mitreißen zu lassen von Gefühlen wie

  • Leidenschaft
  • Begierde
  • Wut

Wir leben in einer Zeit, die immer stärker polarisiert. Professor Dr. Pörksen bezeichnet unsere Gesellschaft nicht umsonst als Skandalgesellschaft. Während vor einigen Jahren viele Menschen noch Begriffe wie Populismus und Narzissmus nachschlagen mussten, sind dies heute gängige Schlagworte, mit denen nahezu jeder etwas anfangen kann. Heute geht es oft darum, sich von Situationen und Gefühlen mitreißen zu lassen. Nicht selten passiert dies in Kombination mit einer Vereinfachung der Dinge. Der Mensch möchte halt Erklärungen und je komplexer die Welt ist, um mehr sehnt er sich nach Einfachheit. Einfache Erklärungen, die emotional mitreißen. Da entsteht zumindest für den Moment Klarheit – auch wenn Fakten verwässert oder verfälscht werden und dies global betrachtet wenig hilfreich ist.

Wenn Trauer schnell weggehen soll

Darüber hinaus ist da dieses Gefühlspotpourri aus

  • Schmerz
  • Leiden
  • Trauer

welches so schnell wie möglich verschwinden soll. Klar, diese Gefühle mag keiner und trotzdem ist es sinnvoll, sie in dem Moment, wo sie sich zeigen, auch zuzulassen. Das, was Leid verursacht, sollte unbedingt betrachtet und nicht weggedrückt werden. Die Tatsache, dass im DSM 5 – dem Diagnostikhandbuch für psychische Störungen (Version 5) – die gesunde Trauerphase in der jüngsten Ausgabe auf 14 Tage gekürzt wurde und danach bereits eine depressive Episode diagnostiziert wird, spricht Bände.

Man stelle sich vor: Da stirbt der Partner, das eigene Kind oder andere nahe Angehörige und nach 2 Wochen hat man wieder vollkommen stabil im Leben zu stehen. Was denkst du: Ist das realistisch?

Wichtig ist mir, dass dir bewusst wird, wie sehr die Gesellschaft dein Wahrnehmen und Handeln beeinflusst. Achtsamkeit zu leben und achtsam zu sein bedeutet auch, dies klar zu erkennen. Und eventuell macht es Sinn, entsprechende Konsequenzen für das eigene Dasein daraus zu ziehen.

Vom Machen zum Sein

Ich schlage dir vor, immer wieder das simple Zurücklehnen zu üben:

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Raus aus dem Machen kommen und eben auch nicht Achtsamkeit „machen“, sondern schlichtweg einfach sein.

In einem Vortrag donnerte der sonst so gütig wirkende Pater Anselm Grün einmal (Achtung, explizite Wortwahl!):

„Einen Scheiß muss dieser Vortrag, einen Scheiß muss der Kongress!“ Er spielte wachrüttelnd polemisch genau darauf an:

  • Wir müssen nicht permanent aus allem einen Benefit ziehen.
  • Es muss nicht immer effizient sein, es muss sich nicht immer „lohnen“.

Einfach sein bringt mich auf den Weg zur Achtsamkeit.

Fazit

Raus aus dem Kopf, rein in die Praxis! Ich kann dir wirklich nur ans Herz legen, täglich ins Tun zu kommen und einfach achtsam zu sein.

 

Mehr zum Thema Achtsamkeit hier in meinem Special.