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Selbstwert außer Balance: Die zwei Seiten der narzisstischen Störung

Nachdem wir bereits einen Adlerflug über die narzisstisch gestörte Beziehung unternommen haben (Wenn du den Artikel noch einmal lesen willst, klicke bitte hier.), schauen wir heute genauer hin: Wir betrachten die beiden Persönlichkeits-Typen, die in einer solchen Beziehung aufeinander treffen müssen, damit das Miteinander narzisstisch gestört sein kann. 

Jede Beziehung kann betroffen sein

Wichtig für das Verständnis ist noch einmal die Überlegung, dass es sich hier nicht unbedingt um Paarbeziehungen handeln muss. Jede Art der Beziehung kann betroffen sein. Und genauso wichtig ist die Tatsache, dass es sich hier nicht um Sozio- oder Psychopathen handelt, die grundsätzlich nicht an einer funktionierenden, wertschätzenden Beziehung interessiert sind. 

die narzisstisch gestörte Beziehung

Die verdeckt narzisstische Mia

Lass mich heute beginnen mit der Beschreibung einer Klientin, mit der ich vor einiger Zeit gearbeitet habe. Ich nenne keine realen Namen, sage dir nicht, ob ich online oder offline mit ihr gearbeitet habe und du erfährst nicht, in welcher Stadt sie lebt, wie alt sie ist, wo sie arbeitet. 

Nennen wir die Klientin der Einfachheit halber Mia. 

 

narzisstisch gestört: die zurückhaltende, verdeckte Variante

Mia lebt ihr Selbstwertproblem über eine verdeckt narzisstische Persönlichkeit aus. Oberflächlich betrachtet zeigt diese Frau sich depressiv, hilflos und insbesondere in Beziehungen zu Männern fühlt sie sich ausgeliefert und ausgenutzt. In den Stunden mit ihr drehte sich alles um Paarbeziehungen.

Mia verhielt sich in den Therapieterminen unselbständig und setzte alles daran, dass ich – die Therapeutin – ihr ihre Klienten-Arbeit abnahm. Ihre Hilflosigkeit und Anpassung war jedoch nur äußerlich. Schnell wurde offensichtlich, dass alle Interventionen, alle Übungen, alle Herangehensweisen, die ich vorschlug, entweder nicht reichten, nicht das Richtige waren oder zum falschen Zeitpunkt kamen. Keine der Übungen hat sie übrigens ausprobiert, um ins eigene Erleben zu kommen.

die narzisstische Persönlichkeit in ihrer offensichtlichen Variante

Distanz ist Schutz!

Einfach ausgedrückt: Mit dieser passiven Verweigerungshaltung baute Mia die Distanz auf, die ein offensichtlich narzisstischer Mensch aggressiv und direkt herstellt.

Distanzaufbau, unausgesprochene „Sei anders“-Forderungen – all das sind typische Verhaltensweisen – egal, ob in einer Paarbeziehung, am Arbeitsplatz oder eben in Therapie/ Coaching. 

Der offensichtlich und auch der verdeckt narzisstisch gestörte Mensch kann sich aufgrund seines Selbstwertdefizits nicht mit offenem Herzen auf ein Miteinander einlassen. Er oder sie braucht die Distanz zum Schutz. Die Angst, tief im Innern verletzt zu werden, ist zu groß. 

Mia hat sich bei der Wahl der Männer wohlmöglich immer – unbewusst – auf den offensichtlich narzisstischen Mann ausgerichtet und damit exakt ihr Pendant gewählt, um in einer narzisstisch gestörten Beziehung zu landen.

Die zwei narzisstisch gestörten Pole im Detail

Lass uns an dieser Stelle konkret werden und beide Arten narzisstischer Persönlichkeiten nebeneinander stellen. Bitte bedenke, dass das Folgende lediglich eine grobe Übersicht darstellt und stark akzentuiert. Die Wirklichkeit ist immer fluider und dynamischer; es existieren auch Mischformen beider hier dargestellter Persönlichkeiten:

Die offensichtlich narzisstische  Persönlichkeit

Die verdeckt narzisstische Persönlichkeit

offensichtlich narzisstisch gestört
Das narzisstische Selbstwertproblem zeigt sich zuweilen auch versteckt hinter einer Maske.
  • betont ihre Grandiosität (um Schwäche zu kompensieren)
  • wertet sich auf und andere ab
  • macht sich unangreifbar
  • ist übermäßig selbstbezogen
  • aggressiv, distanziert, meist unempathisch, verletzend
  • hält Beziehung explizit auf Distanz
  • gibt sich in Beziehungen nie auf
  • stabilisiert ihr Selbstwertgefühl durch die Bewunderung anderer
  • identifiziert sich mit dem Idealbild, das andere von ihr machen
  • Kränkung wird abgewehrt durch Rückzug, Beziehungsabbruch und offene Aggression
  • zeigt sich nach außen hilflos, depressiv, minderwertig
  • macht sich klein, zeigt sich negativ
  • passt sich an bis zur Selbstaufgabe, ist passiv-aggressiv, verweigert sich
  • durch Überanpassung, Leistung und Attraktivität wird die Schwäche kompensiert
  • geht völlig auf im anderen, fühlt so empathisch mit, dass es zur Übernahme fremder Gefühle kommt
  • unterwirft sich in Beziehungen
  • sucht das idealisierte Selbst beim anderen und seinen Erfolgen und identifiziert sich damit
  • Kränkung wird abgewehrt durch Harmonisierung und Anpassung

Der fehlende Selbstwert…

 

Beide – die verdeckt narzisstische Persönlichkeit genauso wie die offensichtlich gestörte Persönlichkeit – haben dasselbe Grundproblem: dieselbe Selbstwertstörung. Es handelt sich um die zwei unterschiedlichen Seiten derselben Medaille: depressive Minderwertigkeit einerseits und überzogene Grandiosität andererseits. Eine narzisstisch ausgeprägte Persönlichkeit trägt also beides in sich und lebt entweder die Grandiosität aus, unter der eine Depression liegt, oder aber die Depression wird ausgelebt, hinter der die Grandiosität versteckt ist.

Das Problem stellt die gefühlte Unvereinbarkeit der zwei Pole dar, die die Betroffenen in sich spüren: Grandiosität hier, Depression da. Da wir auf natürliche Weise jedoch danach streben, in ein Gleichgewicht zu gelangen, sucht sich die narzisstisch geprägte Persönlichkeit ihr Pendant im Außen. Denn im eigenen Inneren können die Pole nicht zusammengeführt werden.

 

… und die Schutzmaske des narzisstisch Gestörten

Beide Persönlichkeiten leben aufgrund ihres Problems nicht ihr echtes Selbst aus. Vielmehr tragen sie eine Maske und versuchen mit viel Kraft eine Fassade aufrecht zu erhalten, die nicht ihrem echten Selbst, das unter der Störung verborgen liegt, entspricht. Für ein Gegenüber – egal ob Partner, Arbeitskollege, Freund, Coach, Therapeut – ist dies spürbar. Manch einer kann dies ins Worte fassen, viele spüren eher „so ein diffuses Gefühl“.

Gleich und gleich gesellt sich gern…

… nämlich fehlender Selbstwert und fehlender Selbstwert. Aber bitte immer vom gegenüberliegenden Pol. 

Und so lassen sich verdeckt narzisstische Persönlichkeiten vorzugsweise bzw. gezielt auf offensichtlich narzisstische Persönlichkeiten ein und umgekehrt. Und das Gemeine ist: Diese Beziehungen stabilisieren sich durch sich selbst. So wie die Batterie den Plus- und den Minuspol braucht, funktioniert die narzisstisch gestörte Beziehung. Das Problem an sich wird dadurch aufrecht erhalten.

 

Narzisstisch gestörte Beziehungen im Arbeitsumfeld

Im Beruflichen geschieht dies natürlich nicht immer aus freien Stücken. Doch auch hier kann man bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz Ähnliches beobachten, wenn es um die Frage geht, ob der potentielle Vorgesetzte oder Chef gut zu mir als Stellenbewerberin passt oder nicht. Wir wählen ja eine neue Anstellung nicht ausschließlich nach der Aufgabe aus; das Persönliche spielt immer eine wichtige Rolle.

Also, was tun?

Jeder narzisstisch geprägte Mensch ist grundsätzlich nicht dumm, blind oder unfähig, sich selbst zu spüren. Im stillen Kämmerlein ahnt er oder sie zumindest etwas. Und genau hier kann der Wandel starten: Durch echtes Spüren, sich mit sich selbst Zeit nehmen, sich auf sich selbst einlassen, beginnt Veränderung. Die Betroffenen tragen gern nicht nur eine Maske nach außen, sondern auch sich selbst gegenüber. Diese innere Maske kann deutlich leichter abgelegt werden als die, die der Außenwelt präsentiert wird. Das kann jedoch nur funktionieren, wenn der Betroffene sich mit offenen Augen ganz auf sich einlässt. Also, raus aus der Dauerberieselung und Ablenkung im Außen!

 

Das Reaktivieren der angeborenen Fähigkeit zur Achtsamkeit kann ein hilfreiches Werkzeug sein. Durch Achtsamkeit lernst du, dich in deiner Gesamtheit wahrzunehmen mit allem, was dazu gehört – eben auch die inneren Monster, die Unsicherheit, der Angst etc.

 

Die Lösung

An sich ist das sehr simpel, doch zugleich kann dieser Prozess schmerzhaft und beängstigend sein, denn wer mag schon gern auf die eigenen Schattenseiten schauen, die doch gerade eine narzisstisch geprägte Persönlichkeit verstecken möchte. Die Herausforderung lautet also: Spring über deinen eigenen Schatten und wende dich dir selbst zu, um Schritt für Schritt bei dir wirklich anzukommen und endlich die ganze Show, die du dir antrainiert hast, abzulegen. Zu lernen, mit der eigenen Unsicherheit umzugehen und sie auszuhalten, ist oft ein Prozess, der begleitet sein möchte und der Geduld fordert.

Die einzelnen Steps:

 

  • Verstehen, dass die bisherige „Show“, nur Kraft kostet, aber langfristig kein Gefühl von ausgeglichener Lebendigkeit einbringt.
  • Bereit sein, die aufgesetzte Maske abzulegen.
  • Selbstkonfrontation mit allen unangenehmen, inneren Monstern: Angst, Unsicherheit usw.
  • Vertrauen fassen, echte Emotion zulassen und in Beziehung treten. Das kann eine Paarbeziehung sein, eine Freundschaft, ein Coaching, eine Therapie, eine Selbsthilfegruppe etc.
  • Gelassenheit entwickeln gegenüber den inneren Monstern, die niemals ganz verschwinden.