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Vielleicht hast du schon auf meiner „Über mich“-Seite über meinen Lebensweg gelesen. Einen Aspekt habe ich dort vollkommen außen vor gelassen: meine Hochsensibilität. Ich stelle dir hier in diesem zusammen: 

  • was Hochsensibilität ist
  • wie das Phänomen abgegrenzt werden kann (und muss).

Damit du besser verstehst, was Hochsensibilität konkret im Alltag bedeuten kann, gebe ich dir hier ein paar Beispiele aus meinem Leben. 

Schon als Kind und als Jugendliche war mein Verhalten anders als bei den anderen, niemand hat das hinterfragt. Heute denke ich, dass vieles auf die Ängste geschoben worden ist, mit denen ich zu kämpfen hatte. Und ich hatte damit ja auch genug zu tun. Bis heute höre immer wieder ein „Stell dich nicht so an.“. Heute kann ich das aber einordnen. Oder sagen wir mal lieber: Ich lasse diese Art von Sprüchen an mir abprallen. Denn heute weiß ich, dass meine Wahrnehmung anders funktioniert als beim Durchschnitt. Und das gilt für jeden Hochsensiblen.

Die internationale Expertin in Sachen Hochsensibilität: Elaine Aron

Erst 2012/13 bin ich auf die Theorie der Hochsensibilität gestoßen und das per Zufall. Ich erinnere mich noch gut an jene Zeit, in der sich belastende Ereignisse die Klinke in die Hand gaben. Die Gesamtsituation weckte in mir das Bedürfnis, mich erneut sehr intensiv mit mir selbst auseinander zu setzen, um Weichen für die Zukunft zu stellen. Und bei dieser Auseinandersetzung lief mir Elaine Aron über den Weg.

Nein, nicht persönlich – vielmehr stolperte ich über ihre Theorien in ihren Büchern. Elaine forscht seit der 1990er über Hochsensibilität und veröffentlichte Ende der 90er erste Thesen. Nicht in allem, aber in erstaunlich vielem erkannte ich mich wieder. Und ich verstand, dass ich von klein an so war, wie sie es beschreibt, und dass die Phänomene, die ich an mir beobachtete, eben nicht das Ergebnis meines Lebensweges waren.

Was macht einen Hochsensiblen so anders?

Die Betroffenen sind durch die Tatsache herausgefordert, dass mehr in ihrer bewussten Wahrnehmung ankommt, da die Filter im Gehirn anders arbeiten. Vielleicht sind alle Wahrnehmungskanäle betroffen, vielleicht nur ausgewählte. Insgesamt wird jedoch weniger herausgefiltert. Die Folge ist: Ich sehe, höre, rieche, schmecke, fühle mehr. 

Hochsensibel sein bedeutet: Mein Gehirn arbeitet anders.

Mehr Reize wollen verarbeiten werden, was Kraft kostet. In der Folge ist ein Betroffener in der Regel schneller erschöpft und benötigt mehr Ausgleich.

Reizüberflutung…

…habe ich schon immer gemieden, erst unbewusst, später sehr bewusst. Wohlgemerkt: Überflutung – Reize sind für mich als „High Sensation Seeker“ (dazu folgt ein weiterer Blog-Post) unter den Hochsensiblen wichtig. Das begann schon in meiner Kindheit. Als später beruflich bedingt Veranstaltungen und Messen eine Rolle spielten, war ein Rückzug nicht mehr möglich. Zu jener Zeit galt die Parole „Augen zu und durch (-halten)“. Ich funktionierte im Außen, erschöpfte im Inneren. Wenn ich heute zu Kongressen fahre, dann ist Planung das A und O für mich: Ja, ich nehme an Großtagungen teil. Aber ich buche kein Hotelzimmer im Zentrum des Geschehens, meide die mittägliche, kulinarische Massenabfertigung und versuche, in Pausen richtig rauszukommen – möglichst ins Grüne -, wenn ich merke, dass das Reizniveau anstrengend wird.

Welche 4 Merkmale zeichnen den Hochsensiblen im Allgemeinen aus?

 

  • Intensive Informationsverarbeitung
    • Der Hochsensible saugt die Umgebung wie einen Schwamm auf und denkt dezidiert über das Wahrgenommene nach. Der hohe Grad an Empathie und Reflektion führt bei vielen Hochsensiblen zu einem eher vorsichtigen Verhalten oder gar zu Zurückhaltung. Dieses Aufsaugen aller Eindrücke kenne ich zu gut: Oft kann ich mich noch nach Wochen oder Monaten an Situationsdetails erinnern.
  • Übererregung
    • Im Allgemeinen ist das Stresserleben intensiver ausgeprägt, was messbar ist über Aktivität der Nebennieren. Häufig ist auch ein großes Bedürfnis nach übermäßigem Schlafkonsum zu beobachten. Diese permanente Übererregung abzubauen, war zentraler Teil meines Entwicklungsprozesses. Als ich begann, mich mit Achtsamkeit auseinanderzusetzen, wusste ich noch nicht, dass ich hochsensibel bin. Heute verstehe vor dem Hintergrund der Hochsensibilität, dass dies eines meiner Herzensthemen geworden ist.
  • Emotionale Intensität
    • Nicht nur die gesamte Bandbreite der Gefühle wird intensiv gelebt. Die hochsensible Person reagiert auf Situationen und Menschen im besonderen Maß emotional. Das geht bei mir im Kleinen schon los: Ich überlege mir dreimal, ob ich mir einen Thriller ansehe und schalte sogar ab, wenn der Film zu belastend wird.
  • Sensorische Empfindlichkeit
    • Alle Sensoren arbeiten im Dauereinsatz: Bei Hochsensiblen kann man in der Regel ein unbewusstes, aber sehr wohl aufmerksames Umherschauen beobachten. Die Umgebung wird geradezu abgescannt. Das geschieht nicht aus Angst, sondern weil der Betroffene einen sehr intensiven Zugang zur Welt hat. Ich würde fast sagen, dass es sich hier um eine besondere innere Haltung handelt. Es ist dem Hochsensiblen ein Bedürfnis, im engen Kontakt zum Umwelt zu sein und sie zu erforschen. Aber auch das Spüren von Atmosphäre in einem Raum und ein enger Wohlfühl-Temperaturkorridor sind typisch für den Alltag des Betroffenen. Für mich ist alles unter 22 Grad Celsius quasi Bodenfrost und über 26 Grad koche ich.

Abgrenzung zu Krankheiten

Aber es ist eben auch wichtig, Hochsensibilität gut abzugrenzen. Wie gesagt, Hochsensibilität bleibt. Sie ist von Geburt an da und sie ist keine Krankheit. Viele gehen mit dem Begriff recht lasch um, wodurch die Grenze zur Angststörung, zur Depression oder zur Erschöpfung verwischt. Das ist nicht gut, denn ein Mensch, der unter den genannten Krankheiten leidet, benötigt in erster Linie etwas anderes als ein Hochsensibler. Der klare Unterschied liegt in der Tatsache, dass es beim Hochsensiblen keine Zeit vorher gibt. Bei jemandem, der unter Ängsten, Depressionen oder gar Erschöpfungszuständen leidet, gab es definitiv irgendwann andere Zeiten. Dasselbe gibt bei Traumatisierungen. Und auch wenn manch Hochsensibler schüchtern wirkt, so ist Schüchternheit nicht mit Hochsensibilität zu verwechseln, denn die Schüchternheit ist eine antrainierte Verhaltensweise. Auch ist die Unruhe, die zuweilen einen Hochsensiblen plagen kann, nicht mit ADHS zu verwechseln: Ist das Reizniveau für den Hochsensiblen angenehm, verschwinden seine „Symptome“.

 

Ausbalanciert im Alltag trotz Hochsensibilität 

Heute gehe ich davon aus, dass meine Hochsensibilität in Kombination mit meiner Persönlichkeit maßgeblich dafür gesorgt hat, dass ich den Schritt in die Selbständigkeit gemacht habe – und zwar mit genau dem Leistungsportfolio, das ich jetzt anbiete. Es hat eine Weile gedauert, bis ich in das Zentrum meiner Persönlichkeit gefunden habe. Angstbedingte Blockaden sind an der Verzögerung wohl nicht unschuldig. Verhaltensweisen können sich immer ändern, Hochsensibilität bleibt. Für alle Betroffenen ist es wichtig, den individuellen Alltag entsprechend der Ausprägung der eigenen Hochsensibilität zu gestalten: um Auszeiten zu haben, um im besonderen Maße auftanken können. Gerade für Hochsensible ist Resilienz ein enorm wichtiges Thema. Vor diesem Hintergrund hat mein Ziel als Expertin auf diesem Gebiet zu arbeiten noch einmal eine besondere Bedeutung für mich bekommen. Denn bereits Anfang der 2000er habe ich unbewusst genau diese Richtung eingeschlagen.